Netflix, Du machst mich fertig! Aber bitte verlass mich nicht!

Ich gebe es zu, ich bin süchtig.

Ich gebe es zu, ich bin süchtig. Süchtig nach Serien. Süchtig nach Bildschirm-Nervenkitzel. Süchtig nach spannenden Geschichten, die mich nicht schlafen lassen.

Seit ich eine Fernbedienung in den Händen halten kann, konsumiere ich Serien, bis die Augen glühen. In meiner Mediathek stapeln sich die Serien. Ein Augenschmaus zum anfassen, jedenfalls für mich. Doch seit ich ein Opfer von Netflix wurde, ist alles anders geworden. Intensiver. Noch intensiver.

Immer wieder nehme ich plötzlich diese Momente wahr, wo ich gebannt vor dem Fernseher sitze oder liege und eine Schrecksekunde erlebe, wenn ich auf die Uhr schaue. Was? Schon wieder so spät? Ich wollte doch nur zwei Folgen konsumieren. Doch stattdessen läuft schon etwa die siebte Episode und ich realisiere erst jetzt, dass ich hundemüde bin und meine Augen leicht schmerzen.

Alter Fernseher

Es ist wiedermal passiert, ich habe Zeit und Raum völlig vergessen, wurde eins mit einer Serie nach Wahl. Ich ging mit den Protagonisten durch die Hölle und lies jede Gefühlsregung verstärkt in meinem Körper multiplizieren. Ich schaute nicht nur zu, ich lebte das Gezeigte. Ich wurde eins, während ich mich vom Hier und Jetzt völlig losgelöst hatte.

Das Perfide an Netflix ist nicht nur diese grosse Auswahl an Serien, Filmen und Dokus, sondern auch diese sehr, sehr kurzen Pausen zwischen den einzelnen Episoden. Eine Pause machen ist nur möglich, wer aktiv den Pausenknopf drückt. Und natürlich ist die Fernbedienung irgendwo gut versteckt oder ausser Reichweite. Hat die eigentlich ein Eigenleben und geht auf Wanderschaft, während ich intensiv den Bildschirm anstarre?

Ja, eine Pause machen, das wäre sinnvoll. Aber wer will das schon? Wer kann das schon, wenn diese fiesen Cliffhanger einem gar keinen Moment der Ruhe lassen, sondern einem kurz danach gleich ohne grossen Abspann die nächste Folge ins Gesicht werfen?

Netflix einschalten und konsumieren ist zweifellos auch ein Lernprozess. Man geht an seine Grenzen. Wie viel kann ich ertragen, wann muss aus körperlichen oder psychischen Gründen abgebrochen werden? Wie viel kann ich in das Hirn reindrücken ohne wie ein gefühlsloser Zombie vor dem Bildschirm nur noch herumzustöhnen? Und wie viele Serien kann ich parallel konsumieren, ohne dass ich komplett wahnsinnig werde?

Alter Fernseher CloseUp

Gesund kann dieses Hardcore-Bingewatching wirklich nicht sein. Wenn ich unter der Woche bis spät in die Nacht nicht von einer Serie loskomme, dann meldet sich mein Körper. Am Morgen bin ich platt und auch zig Energiedrinks können an diesem Zustand nicht viel ändern. Zudem will das Gesehene immer noch verarbeitet werden. Die Psyche muss das einordnen, irgendwo abspeichern und verdauen.

Aber das Positive überwiegt. Denn intensives Bingewatching sorgt für regelmässige Adrenalinschübe. Ausser man konsumiert eine schwache Serie oder eine langweilige Staffel, was durchaus auch öfters passiert. Das ist halt das Risiko, wenn man der Software glaubt und die vorgeschlagenen Inhalte ohne zu recherchieren einfach so zulässt. Ein weiterer Beweis dafür, wie sehr uns Netflix in der Zange hat und uns noch bequemer macht.

Ja, dieser elende Unterhaltungsmoloch macht mich regelmässig fertig. Fix und fertig. Aber ich bereue es kaum bis nie, dass ich diesen Teufelspakt eingegangen bin.

Einmal Serienjunkie, immer Serienjunkie.