Schon seit 2012 veranstaltet das Zurich Film Festival in Kooperation mit der Tonhalle Zürich und dem Forum Filmmusik den Internationalen Filmmusikwettbewerb (IFMW). Teilnehmende müssen eigene Musik zu einem schon bestehenden Kurzfilm oder einer Filmszene komponieren. Aus den Einsendungen werden drei Kompositionen gewählt, die in der Tonhalle Zürich in Anwesenheit der Komponisten uraufgeführt werden. Eine Jury wählt anschliessend, wer von den drei Finalisten den IFMW gewinnt, und das Goldene Auge inklusive 10‘000 Schweizer Franken nach Hause nehmen darf. Und die diesjährige 13. Ausgabe des IFMW war nichts für schwache Nerven…
Schaurig schöne Musik der Finalisten des IFMW
Wild Love – so lautet der Titel des Kurzfilmes, zu dem die Teilnehmenden dieses Jahr ihre eigene Komposition schreiben mussten. Der französische Animationsfilm ist jedoch alles andere als romantisch, sondern lässt sich eher im Bereich der Schwarzen Komik verorten. Was mit einem Ausflug in einer idyllischen Berglandschaft beginnt, endet in einem tödlichen Kampf zwischen einem Liebespaar und einem Rudel von Murmeltieren. Wild Love enthält mehrere überzeichnete Gewaltsdarstellungen, die dem Publikum (mich eingeschlossen) entsetzte Lacher hervorlockten.

Diese schaurige Vorlage hielt die diesjährigen Finalisten jedoch nicht davon ab, wunderschöne musikalische Untermalungen für den Film zu schaffen. Von 170 Teilnehmenden konnten sich Antonio Di Iorio aus den USA, sowie Gary Hirche und Mikal Grigorowitsch, beide aus Deutschland stammend, für das Finale qualifizieren. Die Kompositionen der drei Finalisten, so unterschiedlich sie auch waren, zeugten alle von einem ähnlichen Verständnis von Wild Love. Alle drei untermalten die skurrile, humoristische Note des Kurzfilmes auf eigene Weise.

Gewonnen wurde der 13. IFMW von Mikal Grigorowitsch. Mikal studiert derzeit Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin und begeistert sich für Filmmusik seit dem Hören von John Williams‘ Sountrack zu Star Wars. Dies wurde auch ersichtlich beim Hören von Mikals Beitrag, da dieser klar von den Klängen aus Star Wars geprägt war. So komponierte Mikal für den Anführer des Murmeltierrudels ein Leitmotiv, welches an den Imperial March erinnert.

FONDATION SUISA Act Balz Bachmann
Die Präsentation des IFMW beinhaltet jedoch nebst den Wettbewerbsbeiträgen ein umfassendes filmmusikalisches Rahmenprogramm, die «Cinema-in-Concert»-Gala. Bevor die Finalisten-Beiträge präsentiert werden, wird durch die Unterstützung der FONDATION SUISA eine Person aus der Schweizer Filmmusikszene vorgestellt. Dieses Jahr wurde die Musik des Komponisten Balz Bachmann aus Zürich präsentiert: Unter der Leitung von Frank Strobel spielte das Tonhalle-Orchester Zürich eine Suite, zusammengestellt aus verschiedenen Werken Bachmanns; währenddessen zeigte eine Leinwand einen Zusammenschnitt von Szenen aus den Filmen, deren Musik in der Suite vorkam. Präsentiert wurden musikalische Ausschnitte u.a. aus Der Spatz im Kamin, Stille Reserven und Las Toreras.
Hochkarätige Jury mit Oscarpreisträgerin
Die vorgestellte Person durch die FONDATION SUISA ist auch Teil der Wettbewerbsjury, die die Finalisten und den Gewinnerbeitrag wählt. Daneben setzt sich die Jury zusammen aus dem Jury-Präsidium, dem Leiter des Tonhalle-Orchesters Zürich Frank Strobel und einer weiteren Persönlichkeit aus der Schweizer Filmszene zusammen. Dieses Jahr wurde die Jury geleitet von der Komponistin Hildur Guðnadóttir, die für ihre Filmmusik zu Joker mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Nebst Guðnadóttir, Bachmann und Strobel war auch die Regisseurin Jasmin Gordon Teil der Jury.

Wie üblich ehrt das ZFF im Rahmen des IFMW und der Cinema-in-Concert-Gala den oder die Inhaber*in des Jurypräsidiums mit dem Career Achievement Award und einer musikalischen Präsentation derer Kompositionen; so wurde auch Hildur Guðnadóttir mit dem Award ausgezeichnet, nachdem das Tonhalle-Orchester Zürich eine Auswahl ihres musikalischen Schaffens aufführte.

Das Orchester präsentierte einen Auszug ihrer Musik aus dem Drama Tár und das Stück Bathroom Dance, die musikalische Untermalung der berühmten Badezimmerszene aus Joker. Anhand dessen offenbarte Guðnadóttir im Gespräch mit Moderatorin Sandra Studer ihre unkonventionelle Arbeitsweise: Sie komponiert die Musik zu einem Film, bevor dessen Verfilmung überhaupt stattfindet. So auch im Falle von Joker, wodurch die interessante Choreografie der Badezimmerszene entstand. Die tänzerischen Bewegungen von Joaquin Phoenix waren nämlich nicht geplant, sondern seine spontane Antwort auf Guðnadóttirs Komposition. Dank dieser Arbeitsweise entstand eine poetische Verschmelzung zwischen Musik und Darstellung; es ist deswegen nicht verwunderlich, dass Joker beiden den Oscar einbrachte.

Zusätzlich zu ihren Werken wurde auch das Stück Domestic Pressures aus The Theory of Everything (2014) präsentiert. Die Musik zu diesem Film wurde von ihrem langjährigen Kollegen Jóhann Jóhannson komponiert, der 2018 im Alter von 48 Jahren verstorben ist.
Noch mehr schaurige Klänge
Nebst diesen musikalischen Beiträgen wurde das Publikum im Programmteil «Horizons» mit einer Auswahl von Soundtracks aus bekannten Thrillern verwöhnt. Laut Frank Strobel werden in dieser Sparte ältere Stücke präsentiert, die besonders innovativ waren und den damaligen musikalischen «Horizont» jeweils erweiterten. Den Anfang bildete das gläserne Opening aus Mishima von Philip Glass, gefolgt vom legendären Hauptthema aus The Shining; für diesen Track spielten damals die zwei Komponistinnen Wendy Carlos und Rachel Elkind die Melodie des Dies irae Hymnus elektronisch und verlangsamt ein, damit ein unheimlicher Klang entsteht. Weitere Programmpunkte bildeten das minimalistische Hauptthema aus The Revenant komponiert von Ryuichi Sakamoto, und The Hunt aus Planet of the Apes von Jerry Goldsmith. Letzterer Track sorgte durch seine schnelle Rhythmik und dissonante Klangwelt sicherlich nicht nur bei mir für einen höheren Puls.

Abgerundet wurde die Gala mit der Vorstellung eines ungewöhnlichen Instruments, dem «Theremin». Dafür lud das ZFF die Theremin-Spielerin Lydia Kavina ein, die Grossnichte des Theremin-Erfinders Lew Termen. Das Theremin ist das einzige Instrument, welches berührungslos gespielt wird: Dabei manipuliert man durch die Position der Hände in der Luft zwei Elektroden, angeordnet wie eine x- und eine y-Achse, und kontrolliert somit Tonhöhe und Lautstärke. Der Klang des Theremins lässt sich am ehesten mit dem Bild eines singenden ausserirdischen Wesens beschreiben; diese aussergewöhnliche, leicht unheimliche Klangfarbe machte sich auch Miklós Rózsa für seine Filmmusik zu Hitchcocks Spellbound zunutze, in welcher das Theremin prominent vertreten ist. Zusammen mit Lydia Kavina gab das Tonhalle-Orchester Zürich dann auch ein Medley des Soundtracks zum Besten.

Das Theremin spielte auch anderswo beim diesjährigen ZFF eine kleine Hauptrolle, nämlich beim deutschen Spielfilm Das Leben der Wünsche. In diesem Film kreuzen sich die Wege der Hauptfigur und einer professionellen Thereminspielerin, verkörpert von Verena Altenberger.
Mein Fazit zum 13. IFMW
Wieder einmal mehr ist dem ZFF und der Tonhalle Zürich ein wunderbarer musikalischer Abend gelungen, der die Filmmusik über mehrere Epochen zelebriert, von den 1940ern bis hin zu den diesjährigen Beiträgen der Finalisten. Abgesehen vom einwandfreien Rahmenprogramm der Gala ist der IFMW ein wichtiger Wettbewerb, der unbekannten Filmmusikschaffenden eine Plattform bietet. Dabei wird auch nicht nach Alter, Geschlecht oder Herkunft unterbewusst diskriminiert, da das Einreicheverfahren anonymisiert ist, und die Teilnahme allen offensteht. Einzige Bedingung: Die teilnehmende Person hat nicht mehr als drei Filme über 60 Minuten vertont. Das finde ich persönlich grossartig, denn jedes Talent verdient es gefördert zu werden.


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