Seit dem 20. Mai ist The Testament of Ann Lee auf Disney+ zu sehen. Zuvor wurde der Film im Oktober am 21. Zurich Film Festival in Anwesenheit von Regisseurin Mona Fastvold und Hauptdarstellerin Amanda Seyfried präsentiert. Das Drama-Musical erzählt die Geschichte einer Frau, die im England des 18. Jahrhunderts zur Gründerin der Shaker-Bewegung wird. Regisseurin Mona Fastvold macht daraus allerdings kein klassisches Historien-Biopic. Was den Film ausmacht und was uns die beiden Filmschaffenden im Interview erzählt haben, findet ihr hier heraus.
Interview mit Amanda Seyfried über The Testament of Ann Lee
Im Rahmen der Galapremiere am 21. Zurich Film Festival hat sich Amanda Seyfried kurz Zeit genommen und mit den anwesenden Medienvertretern gesprochen. Wir haben es uns nicht nehmen lassen und ihr ebenfalls eine Frage gestellt. Was sie uns über ihre Rollenwahl und über The Testament of Ann Lee erzählt hat, findet ihr im Video heraus.
Von Manchester nach Amerika
Ann Lee wächst im Manchester des 18. Jahrhunderts auf und schliesst sich als junge Frau einer radikalen religiösen Gemeinschaft an. Die sogenannten Shaking Quakers praktizieren ihren Glauben mit Gesang und ekstatischen Bewegungen. Ann ist fasziniert von dieser Form der Spiritualität. Gleichzeitig wird ihr eigenes Leben von Verlusten geprägt. Sie heiratet William Lee, doch ihre Ehe bringt ihr nicht die erhoffte Erfüllung. Diese Erfahrungen verändern Ann. Sie entwickelt die Überzeugung, dass sexuelle Enthaltsamkeit und ein Leben ganz im Zeichen Gottes der richtige Weg seien. Gleichzeitig fühlt sie sich zunehmend als religiöse Auserwählte. Sie verkündet, Gott habe sich ihr offenbart – und tritt schliesslich als Prophetin auf. Gemeinsam mit ihren Anhängern verlässt Ann England und reist nach Amerika. Dort beginnt der Aufbau jener Gemeinschaft, die später als Shaker bekannt wird. Aus der verfolgten religiösen Aussenseiterin wird eine charismatische Anführerin, die von ihren Anhängern wie eine Heilige verehrt wird.

The Testament of Ann Lee bietet einen detaillierten Einblick in das Leben der Shakers
Das eigentlich Besondere an The Testament of Ann Lee ist jedoch nicht allein die Geschichte. Fastvold erzählt sie mit ungewöhnlichen filmischen Mitteln. Immer wieder bricht die Handlung in Gesang und Tanz aus. Die Shaker beten nicht still, sondern bewegen ihre Körper, zittern, drehen sich und geraten in einen Zustand religiöser Ekstase. Damit wird der Körper zur Sprache des Glaubens. Was Ann und ihre Anhänger empfinden, soll nicht bloss erklärt, sondern spürbar werden. Die Musik übernimmt dabei eine ähnliche Funktion wie der Dialog in einem herkömmlichen Drama. Oscar-prämierter Komponist Daniel Blumberg, der bereits The Brutalist vertonte, schafft einen Soundtrack, der zwischen historischen religiösen Gesängen und modernen, beinahe hypnotischen Klängen pendelt.
Das macht den Film zu einem ungewöhnlichen Musical. Die Lieder unterbrechen die Handlung nicht, sondern sind ein Teil ihrer Erzählweise. Fastvold interessiert sich weniger für die nüchterne Rekonstruktion historischer Ereignisse als für die Frage, wie sich religiöse Erweckung anfühlen könnte. Dadurch bekommt der Film etwas Traumartiges und manchmal geradezu Rauschhaftes. Auch Ann Lee selbst wird nicht einfach zur feministischen Heldin stilisiert. Sie kämpft gegen gesellschaftliche Regeln und fordert Gleichberechtigung, entwickelt aber gleichzeitig ein äusserst strenges religiöses System.
Interview mit Mona Fastvold
Auch Regisseurin Mona Fastvol hat sich trotz einer Erkältung und der damit verbundenen Heiserkeit Zeit genommen und mit uns gesprochen. Fastvold ist mit Regisseur Brady Corbet (The Brutalist) verheiratet, die beiden arbeiten beruflich oft zusammen. So hat Fastvold am Drehbuch von The Brutalist mitgeschrieben und Brady war als Co-Autor bei The Testament of Ann Lee mit im Boot.
Amanda Seyfried in Höchstform
Im Mittelpunkt steht Amanda Seyfried, die den Film praktisch auf ihren Schultern trägt. Sie spielt Ann Lee nicht als unnahbare Prophetin, sondern als verletzliche, getriebene und gleichzeitig aussergewöhnlich entschlossene Frau. Besonders in den Tanz- und Gesangsszenen wird deutlich, wie viel körperliche Energie die Rolle verlangt. Seyfried gelingt es, Ann Lee gleichzeitig faszinierend und verstörend wirken zu lassen. Man muss ihre religiösen Überzeugungen nicht teilen, um ihre Entschlossenheit nachvollziehen zu können. Ihre Vergangenheit erklärt, weshalb sie nach einer Welt sucht, in der Schmerz und Verlust einen höheren Sinn bekommen. Thomasin McKenzie, Lewis Pullman, Christopher Abbott und Stacy Martin ergänzen das Ensemble. Dennoch bleibt es eindeutig Seyfrieds Film.

Kein klassisches Biopic, kein klassisches Musical
The Testament of Ann Lee ist dabei nicht immer leicht zugänglich. Wer ein klassisches Biopic mit chronologisch erzählten Ereignissen und ausführlichen Erklärungen erwartet, könnte sich an der eigenwilligen Inszenierung stören. Fastvold lässt vieles offen und setzt darauf, dass sich das Publikum auf die Atmosphäre einlässt.
Gerade deshalb passt der Film hervorragend in die «Sounds»-Sektion des Zurich Film Festival. Dort wurde er 2025 als deutschsprachige Premiere gezeigt. Amanda Seyfried und Mona Fastvold waren am 3. Oktober persönlich in Zürich, um den Film vorzustellen. Das ZFF hob insbesondere die Verbindung aus Musik, Gesang und Tanz hervor, durch die der Film die transformative Kraft von Körper und Stimme erfahrbar machen will.
Diese Verbindung ist zugleich die grösste Stärke des Films. Fastvold versucht nicht, Religion von aussen zu analysieren. Sie versetzt das Publikum mitten in eine Gemeinschaft, deren Mitglieder ihren Glauben mit jeder Faser ihres Körpers leben. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen historischem Drama und spiritueller Erfahrung.

Unser Fazit zu The Testament of Ann Lee
The Testament of Ann Lee ist ein eigenwilliges und mutiges Biopic, das aus dem Leben der Shaker-Gründerin kein gewöhnliches Historienkino macht. Mona Fastvold verbindet Geschichte, Musik, Tanz und religiöse Ekstase zu einem Film, der weniger erklären als fühlen lassen möchte.
Das funktioniert vor allem dank Amanda Seyfried, die Ann Lee mit enormer körperlicher und emotionaler Präsenz verkörpert. Wer sich auf die ungewöhnliche Form einlässt, bekommt deshalb weit mehr als die Geschichte einer religiösen Anführerin. Der Film erzählt von Verlust und Hoffnung, von weiblicher Selbstbestimmung, sozialer Gleichheit und von der gefährlichen Kraft absoluter Überzeugungen.
Nicht jeder Moment ist dabei gleich zugänglich. Doch gerade seine Sperrigkeit macht The Testament of Ann Lee interessant. Es ist ein Film, der nicht einfach eine historische Persönlichkeit abbildet, sondern versucht, ihren Glauben in Musik und Bewegung zu übersetzen. Ein ungewöhnliches, hypnotisches Musical über eine Frau, die ihre eigene Vorstellung von einer besseren Welt erschaffen wollte.



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