111- Echos from Halifax zeigt wie Trauerbewältigung funktioniert

Es ist die schlimmste Tragödie der Schweizer Luftfahrt: Der Swissair-Absturz 1998 in Halifax, Kanada. 229 Menschen kamen kurz nach dem Start in New York ums Leben. Die Swissair Maschine SR 111 zerschellte aufgrund eines technischen Defekts auf dem Wasser. Fast 30 Jahre danach wird diese Geschichte vom SRF und C-Films verfilmt und läuft seit dem 1. Oktober 2026 in den Kinos. 111- Echoes from Halifax zeigt eine fiktive, aber bodenständige und greifbare Handlung über die Zeit nach dem Unglück für die Angehörigen der Opfer. Wie kann man über so einen schrecklichen Verlust hinwegsehen und weitermachen? Diese Fragen behandelt der Film und zeigt nicht die Katastrophe an sich oder die intensiven Ermittlungsarbeiten, sondern die Menschlichkeit. Mit dem Unglück über Halifax können sich alle identifizieren die durch einen Unfall oder andere Umständen geliebte Personen verloren haben.

Anatole Taubmann als Urs Zimmermann aus Echoes from Halifax
Für die Piloten der Swissair-Maschine 111 sollte das nur ein gewöhnlicher Flug werden… | Bild: © 2026 Ascot Elite Entertainment.

Davon handelt 111 – Echoes from Halifax

Wer nun denkt, es handele sich um einen Streifen im Stil von Mayday – Alarm im Cockpit, der irrt sich. Im Mittelpunkt steht die Swissair Mitarbeiterin Carina (Ursina Lardi), Abu (Djebril Zonga) mit seiner Stieftochter Lou (Fathia Youssouf) und ein Vater namens Saul (Kris Holden-Ried) der um seinen Sohn trauert. Carina wird als Mitglied des Care-Teams nach Halifax geschickt, um sich um die Angehörigen der Opfer zu kümmern. Dort lernt sie Saul näher kennen. Dieser weiss nicht, wie er um seinen Sohn trauern soll und fordert Antworten: Wie konnte so ein Unfall einer renommierten Airline wie der Swissair passieren? Dabei muss er feststellen, dass sich die Unfalluntersuchung schwieriger als gedacht gestaltet. Lou hat ihre Mutter verloren bei dem Unglück verloren, das Verhältnis zu Abu ist angespannt. Schweisst sie die Trauer zusammen oder gehen beide getrennte Wege?

Kris Holden-Ried und Natalie Brown aus Echoes for Halifax
Raul Rosenthal trauert mit seiner Frau um Sohn Jacob. | Bild: © 2026 Ascot Elite Entertainment.

Eine Hammerleistung des Casts

Die Schauspielerinnen und Schauspieler zeigen die Emotionalität und beweisen ihr können. Fragen wie «Was hätte man tun können?», «Warum hat man ihn auf den Flieger gelassen?», «Wieso konnte ich mich nicht noch verabschieden?» werden meisterhaft von der Darstellerriege auf die Leinwand transportiert. Emotionen, wie die Wut auf sich selbst oder auf die verunglückte Person, die sich für diesen Flug entschieden hat. Die Darsteller überzeugen mit ihrer Leistung vollends. Dabei sind es die Zwischentöne und das Schweigen und nicht unbedingt der Dialog. Dieser wiederum wirkt auch aufgrund der Mehrsprachigkeit äusserst glaubhaft. Anstelle einer Synchronisation lässt man Kris Holden Ried, Djebril Zonga oder Fathia Youssouf ihre Originalstimmen.

Djebril Zonga als Abu und Fathia Youssouf als Lou in Echoes from Halifax
Abu und Lou erwarten die Ankunft ihrer Mutter in Genf. | Bild: © 2026 Ascot Elite Entertainment.

Nahbares Spiel von Fathia Youssouf

Die 20-jährige Fathia Youssouf spielt die Tochter einer verstorbenen Passagierin. Ihre letzten Worte waren Teil eines Streits mit ihrer Mutter. Sie muss mit dem klarkommen, was sie gesagt hat und das der neue Mann ihrer Mutter nun ihr Vater sein soll. Nicht einfach doch sehr wahrscheinlich nicht unüblich. Fathia zeigt die Wut und die Trauer wenn sie mit ihrem Stiefvater spricht (oder eben nicht) man merkt ihr an das sie es ernst meint und es ihr nahegeht. Dass ihre Geschichte auch anderen Mut machen kann ist deutlich. Ebenso zeigt ihre Geschichte das man sich auch mit anderen Trauenden zusammentun kann und das beim Verarbeiten hilft. Denn das ist auch in der Realität von grosser Bedeutung.

Ursina Lardi und Kris Holden-Ried aus 111 - Echoes from Halifax
Carina trauert gemeinsam mit Raul an der Küste von Halifax. | Bild: © 2026 Ascot Elite Entertainment.

111 – Echoes from Halifax ist bodenständig, sachlich und emotional

Mauro Muellers neuester Streifen111 – Echoes from Halifax ist weder ein Katastrophenfilm, noch grosses Kinodrama. Es ist auch nicht eine Tragödie wie Titanic, die eine aufgebauschte romantische Handlung hervorzaubert (versteht mich nicht falsch, Titanic ist grossartig), vielmehr ist es ein bodenständiger Film, der das echte Leben zeigt und nicht unnötige Dramaszenen erzeugt. Die Produzenten gingen mit dem Schicksal der Angehörigen und dem Vermächtnis der Verstorbenen behutsam um und zeigen die rohe Realität. Dabei kommt unweigerlich die Frage auf, wie es ist, wenn man von heute auf morgen alles verliert. Der Film handelt von der Trauerbekämpfung, das Weitermachen und das Finden nach der Hoffnung und der Kraft nicht aufzugeben.

111 – Echoes from Halifax ist kurzweilig und überzeugt dank einer subtilen abre eindrücklichen Kameraarbeit. Und auch der sphärische Soundtrack der Zürcher Newcomerin Mirjam Skal unterstützt die gezeigten Bilder optimal. Als ich im Kino sass und die immer gleiche melancholische töne erklangen mit einem leichten summen dann wird man direkt in einen Bann gerissen. Die Musik hilft die emotionale Tiefe und die Verletzlichkeit und Ernsthaftigkeit den ganzen Film aufrecht zu halten.