Seit heute läuft die fünfteilige Miniserie Possession auf Sky Show und Sky Atlantic. Es ist ein wilder Genremix, bestehend aus Thriller-, Drama- und Horrorelementen. Darin muss eine Anwältin einen ominösen Fall in Jamaika untersuchen und lüftet dunkle Familiengheimnisse. Was wir von der Serie mit Gugu Mbatha-Raw halten, findet ihr hier heraus.
Interview mit Drehbuchautorin Karla Crome
Anlässlich der Premiere in London haben wir mit Drehbuchautorin Karla Crome per Zoom sprechen können. Sie wurde zunächst als Schauspielerin bekannt. Karla spielte Rollen in u.a. Under the Dome, Lazarus, Toxic Town, The Level oder Hit & Miss. Bei Possession war sie zudem auch als Produzentin tätig. Was sie uns über ihre Recherche, die Figurenentwicklung und die erhoffte Reaktion des Publikums erzählt hat, findet ihr hier heraus.
Ein ungewöhnlicher Rechtsfall in Jamaika
Claudia McKenzie (Gugu Mbatha-Raw) arbeitet als Anwältin in Bristol. In der Nacht wird sie von mysteriösen Visionen und Albträumen heimgesucht. Eines Tages wird sie für einen ominösen Fall hinzugezogen. Ihr Klient, Oliver Connaught (Jonny Lee Miller) wurde von seinem eigenen Vater enterbt. Der Anspruch auf das 50 Millionen Pfund-Vermögen inkl. altem Familienanwesen auf Jamaika erhebt der Einheimische Cudjoe East (Sheldon Shepherd). Da Claudia dunkelhäutig ist und es sich bei dem Familienanwesen um eine ehemalige Zuckerrohrplantage handelt, wird sie nun beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf Jamaika angekommen, wird Claudia von den Einheimischen gewarnt, lieber die Finger von der Sache zu lassen. Das Haus sei verflucht und der Geist der früheren Sklaventreiberin Charlotte (Bel Powley) spuke darin herum. Bei ihrer Recherche deckt sie dunkle Geheimnisse der Familie Connaught auf und muss feststellen, dass sich schlimme Dinge auf der Plantage zugetragen haben, die bis in die Gegenwart nachhallen…

Possession ist ein Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Hier liegt die grosse Stärke von Possession: Die Serie erzählt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen. Während Claudia im heutigen Jamaika versucht, das Geheimnis um Cudjoe und das Testament zu lösen, führen Rückblenden zurück ins 18. Jahrhundert und zeigen die brutalen Zustände auf der Plantage. Angeführt von Charlotte, die wunderbar düster vom Bel Powley gespielt wird. Die beiden Ebenen sind dabei nicht einfach zwei getrennte Handlungsstränge. Nach und nach wird deutlich, wie eng sie miteinander verbunden sind. Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie wirkt weiter. In Familien, in gesellschaftlichen Strukturen und schliesslich sogar auf übernatürliche Weise.
Dabei ist der Titel Possession gleich mehrfach zu verstehen. Es geht um Besitz und die Frage, wem Land und Vermögen gehören. Es geht um Menschen, die über Generationen hinweg Besitz anderer Menschen waren. Und natürlich geht es um Besessenheit im übernatürlichen Sinn. Gerade diese verschiedenen Bedeutungen machen die Serie interessant. Aus einem zunächst klassischen Erbschaftsstreit wird eine Geschichte über Schuld, Gerechtigkeit und die Frage nach Wiedergutmachung.

Auf der Suche nach der eigenen Herkunft
Claudias persönliche Geschichte gibt dem Ganzen zusätzlich eine emotionale Ebene. Die Reise ist für Claudia auch eine Begegnung mit einem Teil ihrer eigenen Herkunft, den sie bisher kaum kannte. Sie trifft auf eine Kultur, zu der sie bisher nur eine indirekte Verbindung hatte. Gleichzeitig muss sie feststellen, dass ihre berufliche Rolle komplizierter ist, als sie zunächst dachte: Sie soll die Interessen eines weissen britischen Aristokraten vertreten, dessen Familie vom Leid versklavter Menschen profitiert hat.
Besonders spannend ist, dass Possession diese Themen nicht als trockene Geschichtsstunde erzählt. Die Serie verpackt sie in einen Mystery-Thriller. Alte Häuser, dunkle Geheimnisse, Albträume, Geister und spirituelle Traditionen sorgen für eine unheimliche Atmosphäre. Jamaika wird dabei nicht zur austauschbaren Kulisse, sondern prägt die Serie entscheidend. Die farbenprächtige Gegenwart steht im Kontrast zu den düsteren Bildern der Plantage und ihrer Geschichte.

Das Vereinigte Königreich und die Sklaverei
Besonders bitter ist ein historischer Aspekt, den Possession ebenfalls aufgreift: Als Grossbritannien 1833 die Sklaverei in seinen Kolonien abschaffte, wurden nicht etwa die zuvor versklavten Menschen entschädigt. Stattdessen zahlte der britische Staat den ehemaligen Sklavenhaltern insgesamt 20 Millionen Pfund als Ausgleich für den Verlust ihres «Eigentums». Das entsprach damals rund 40 Prozent der britischen Staatsausgaben. Finanziert wurde ein grosser Teil über Kredite, deren finanzielle Folgen bis ins 21. Jahrhundert reichten. Erst 2015 war die entsprechende Staatsschuld vollständig getilgt. Die Nachwirkungen dieser Entscheidung sind bis heute ein zentraler Bestandteil der Reparationsdebatte. Während die Profiteure der Sklaverei für ihren wirtschaftlichen Verlust entschädigt wurden, erhielten die Menschen, die versklavt worden waren, keinerlei vergleichbare Zahlung. Possession macht aus dieser historischen Ungerechtigkeit einen wichtigen Teil seiner Geschichte und stellt damit die Frage, wem die Kosten der Vergangenheit eigentlich zugerechnet werden müssen.

Mein Fazit zu Possession
Die Serie wagt eine ungewöhnliche Mischung. Possession ist Erbschaftsthriller, Familiendrama, historische Aufarbeitung und Geistergeschichte zugleich. Vor allem aber nutzt sie das Übernatürliche, um etwas sehr Reales sichtbar zu machen: Die Vergangenheit verschwindet nicht einfach, nur weil genügend Zeit vergangen ist. Die fünf Episoden sind atmosphärisch, rätselhaft und thematisch überraschend vielschichtig. Sie erinnert mich ein bisschen an Get Out oder Them. Wer Mystery-Serien mag, die neben Spannung auch etwas zu erzählen haben, sollte Possession deshalb unbedingt eine Chance geben. Denn manchmal sind die schlimmsten Geister jene, die tatsächlich existiert haben. Ganz ohne Schwächen kommt Possession allerdings nicht aus. Die Serie will sehr viel gleichzeitig erzählen: Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus, Familiengeschichte, Identität, Erbschaft, Spiritualität und Horror. Gerade die übernatürlichen Elemente dürften deshalb nicht allen gefallen. Während die historische und gesellschaftliche Ebene viel Stoff zum Nachdenken liefert, wirken manche Horrorelemente für Horrorfans weniger überzeugend.


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