Ab 7. Mai lief das amerikanische Gerichtsdrama Nürnberg in den deutschen Kinos. Zuvor wurde es am 21. Zurich Film Festival präsentiert. Seit Anfang August kann der Film u.a. kostenpflichtig bei Prime Video gestreamt werden. Für den 21. August sind zudem ein 4K-Steelbook und eine Blu-ray-Auswertung vorgesehen. Unter der Regie von James Vanderbilt (Drehbuch zu Zodiac – Die Spur des Killers und Regiedebüt mit Moment der Wahrheit) ist der Film mit namhaften Hollywood-Schauspielern wie Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon und Colin Hanks, aber auch deutschsprachigen Darstellern wie Peter Jordan, Andreas Pietschmann, Tom Keune oder Wolfgang Cerny besetzt worden.
Der Film behandelt den bereits mehrfach verfilmten Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gegen Angeklagte wie Hermann Göring, Hans Frank oder Rudolf Hess. 2026 jährt sich dabei die Urteilsverkündung des historischen Prozesses zum 80. Mal. Doch gelingt es Nürnberg, den seinerzeit vielbeachteten Prozess mit dem nötigen moralischen Nachdruck auf die Kinoleinwände der Gegenwart zu übertragen oder verblasst der Film als generisches Hollywood-Gerichtsdrama?

Zwischen Selbstinszenierung, Leugnung und strategischer Verteidigung
Nürnberg spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit und rekonstruiert die Ereignisse rund um die Vorbereitung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses, bei dem führende Vertreter des NS-Regimes zur Verantwortung gezogen werden sollen. Im Zentrum steht der Versuch der Alliierten, erstmals in der Geschichte ein internationales Tribunal gegen politische und militärische Hauptverantwortliche für Kriegsverbrechen zu etablieren.
Besonders im Fokus stehen dabei prominente NS-Funktionäre wie Hermann Göring und weitere hochrangige Angeklagte, deren Auftreten im Gefängnis, in Verhören und im Austausch mit Psychologen und Ermittlern ein komplexes Bild zwischen Selbstinszenierung, Leugnung und strategischer Verteidigung offenbart.
Parallel dazu beleuchtet der Film die Perspektive der Anklagebehörden und Ermittler, die nicht nur juristische Beweise sammeln, sondern auch versuchen, die ideologischen und psychologischen Mechanismen hinter den Verbrechen zu verstehen. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen rechtlicher Aufarbeitung, moralischer Verantwortung und dem Versuch, historische Dimensionen fassbar zu machen.

Wenn die Amerikaner deutsche Geschichte inszenieren…
James Vanderbilts Nürnberg-Verfilmung macht aus einem der historisch grössten Gerichtsprozesse ein Blockbuster-Spektakel von nervenaufreibender Intensität. Was anfänglich wie ein historisch geprägter Abenteuerfilm in Aufbruchsstimmung beginnt, entwickelt sich in weiten Teilen zu einer atmosphärisch inszenierten Charakterstudie über Hermann Göring, seinen manipulativen Charme und seine rhetorische Redegewandtheit. Russell Crowe verkörpert diese Rolle hierbei intensiv einnehmend und mit riskanter Verführungskraft. Rami Malek füllt seine Rolle wiederum mit einer abgeklärten Neugier aus, die dem Film zusätzlich eine erfrischende Dynamik verleiht. Im späteren Verlauf gelangen aber auch aufrichtige Emotionen an die Oberfläche von Maleks Figur. Unter den Nebenrollen beeindruckt wiederum Tom Keune in einer unberechenbar einschüchternden Darbietung als NSDAP-Reichsleiter Robert Ley. Ebenso vermitteln die visuelle Umsetzung zwischen Kamera und Farbsetzung sowie der Soundtrack eine unmittelbare Eindringlichkeit.

Originalversion dringend empfohlen
Etwas irritierend, aber nur schwer anders lösbar ist wiederum der Umstand, dass die anfänglich deutsch synchronisierten Amerikaner in den Szenen mit Dolmetschern gegenüber den Nazis ins Englische wechseln, da dieses Thema währenddessen und danach noch dramaturgisch relevant ist, wenn u.a. thematisiert wird, ob Göring nicht auch Englisch versteht. Aus Sicht einer deutschen Synchronfassung, die man erfolgreich vermarkten möchte, ist dies sicherlich sinnig, aber es berührt nun mal auch die innere Logik zwischen den Sprachbarrieren. In dieser Hinsicht empfiehlt sich hier die Originaltonfassung mit Russell Crowes hörbar akzentuiertem Deutsch.
Historisch bleibt der Film vor allem in seinem Grundgerüst bei der Wahrheit, was u.a. die enge Beziehung zwischen dem US-Gerichtspsychiater Douglas M. Kelley und Göring, Kelleys Motivation, die grossen Prozessereignisse oder die erheblichen Schwierigkeiten innerhalb des Kreuzverhörs von Robert H. Jackson mit Göring unterstreichen.

Nürnberg vermischt Fakten und Fiktion
Doch wie so oft führt auch hier der verführende Reiz der filmischen Dramaturgie zu entscheidenden Abweichungen. So die im Film hergeleitete Kausalkette, dass Kelley Görings essenzielle psychologische Schwäche entlarvte und damit der Anklage entscheidend weiterhelfen konnte. Tatsächlich war Kelley zu dieser Zeit bereits wieder in den Staaten und im Kreuzverhör damit nicht mehr involviert. Seine historisch belegte Aufgabe bestand darin, sowohl psychiatrische als auch medizinische Gutachten im Sinne der Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten auszustellen. Ferner zählten dazu auch umfangreiche psychiatrische Untersuchungen, Interviews und psychologische Tests. Auch der Abgang von Kelley war keinesfalls ein unehrenhafter Hinauswurf, sondern kam historischen Berichten zufolge sogar einer Beförderung gleich.
Die zeitliche Abfolge wurde ebenfalls auf den filmisch relevanten Fokus heruntergekürzt, um das Augenmerk auf Göring zu behalten. Die Gesamtdimension des Hauptkriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Militärgerichtshof (1945/46) war aufgrund der ausführlicheren Beschäftigung mit dem Angriffskrieg, der Verschwörung oder den Kriegsverbrechen demnach komplexer, während der Film sein Plädoyer auf das menschlich Böse richtet. Im Kern aber auch auf die erschreckende Erkenntnis von Kelley, dass Göring kein wahnsinniger Psychopath, sondern eine hochintelligente, extrem machtorientierte und narzisstische Persönlichkeit hatte. Eigenschaften, die bei so manchen Menschen mit zu viel Macht auch heute noch in unserer Gesellschaft fortbestehen, womit ganze Demokratien zugrunde gerichtet werden können.

Mein Fazit zu Nürnberg
So sehr manche historischen Ungenauigkeiten die Authentizität eintrüben, so wichtig ist dennoch ein solcher Film in Zeiten des immer weiter zunehmenden Rechtsrucks. Während Crowe als Göring mit verführender Rhetorik zu fesseln weiss, bedient der gesamte Film den Reiz grosser, effektvoller Töne und der vereinfachten, heruntergebrochenen Sprache eines komplexen Prozesses mit nachklingender Moral. Kurzum: Eine Historienverfilmung über einen Prozess, dem man sich nicht so einfach entziehen kann.
Mein Urteil: 80 von 100 Anklagepunkten!


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