Yvonne Eisenring und Max Hubacher aus Love Roulette

Chris Niemeyers Love Roulette soll eher «Gefühlsbingo» heissen

Am 4. Dezember kam Love Roulette in die Deutschschweizer Kinos. Seit Anfang Februar ist der Film im auf diversen Streamingplattformen (u.a. Apple TV, Amazon Prime, Sky oder Myfilm) zu finden. Der erste Kinofilm des Schweizer Regisseurs Chris Niemeyer verspricht eine «richtige helvetische RomCom» zu sein. Das Drehbuch stammt von Yvonne Eisenring, der Gründerin des bekannten Podcasts Zivadiliring. Sie übernahm auch die weibliche Hauptrolle der «Charlie». Love Roulette erzählt die Geschichte des Zürcher Pärchens Charlie und Tom, welche ihre Beziehung für einen kurzen Zeitraum vor der Hochzeit öffnen. Dabei durchleben die beiden mehrere Hochs und Tiefs. Ist eine offene Beziehung vielleicht doch nicht das Gelbe vom Ei? Und wie sehr kommen RomCom-Fans bei Love Roulette auf ihre Kosten?

Interview mit Yvonne Eisenring

Im Rahmen der Schweizer Premiere von Love Roulette haben wir mit Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Yvonne Eisenring sprechen können. In diesem Interview erfahrt ihr u.a., wie sie sich auf ihre erste Kinorolle vorbereitet hat , warum das Thema offene Beziehungen wichtig ist, und ob es Love Roulette 2 geben könnte.

Die FOMO triumphiert

Am Anfang scheint alles in Butter zu sein: Das Zürcher Paar Charlie und Tom (Max Hubacher) sind seit fünfzehn Jahren glücklich zusammen und wollen bald heiraten. Doch an ihrem Verlobungsfest werden sie von ihrem Freundeskreis mit weniger romantischen Themen konfrontiert. Anstatt dem Paar zu gratulieren, fallen Fragen wie: Was, ihr wart noch nie mit jemand anderem im Bett? Wie wisst ihr dann, ob ihr überhaupt zusammenpasst? Andere Paare hätten wahrscheinlich solche Freunde sofort vor die Tür gesetzt. Doch Charlie lässt den Gedanken nicht los, dass sie doch etwas verpassen könnte. So überredet sie ihren Verlobten Tom zu einem Experiment vor ihrer Hochzeit: Sechs Monate dürfen (nein, sollen!) sie sich sexuell austoben, aber nichts verheimlichen und auch keine romantischen Gefühle für andere entwickeln. Einmal pro Monat wird gemeinsam auf einer Parkbank Bilanz gezogen.

Interview mit Max Hubacher

Auch mit Hauptdarsteller Max Hubacher haben wir über Love Roulette gesprochen. Der Berner hat seit 2010 in Filmen unterschiedlicher Genres mitgespielt. In Sachertorte von 2022 von Christine Rogoll hat er bereits sein Talent für RomComs bewiesen. In diesem Interview verrät er uns seine Top 3 Liebeskomödien, welche Szene beim Dreh am schwierigsten war und ob er sich mit seiner Filmfigur identifizieren kann.

Doch nicht so erstrebenswert?

Dieses Experiment entpuppt sich jedoch für beide schnell als Zereissprobe. Auch wenn Charlie anfänglich ihre neu gewonnene Freiheit geniesst und fleissig an Dates geht, ist das ganze doch nicht so erfüllend, wie anfänglich gedacht. Tom kann sich zu Beginn nicht so recht mit der offenen Beziehung anfreunden, wird aber von Charlie dann doch zu einigen Dates gedrängt. Als Charlie eines ihrer One Night Stands fatalerweise in die gemeinsame Wohnung mitbringt, brennen bei Tom die Sicherungen durch. Ab diesem Wendepunkt geht es mit der Beziehung fast nur noch bergab. Als dann auch noch Lena (Dominique Devenport) auf der Bildfläche erscheint, scheint alles auseinanderzubrechen.

Yvonne Eisenring und Kevin Dias in Love Roulette
Charlie bei einem ihrer Dates (Kevin Dias). | Bild: ©Filmcoopi Zürich

Authentisches Miteinander, jedoch flache Figuren

Yvonne Eisenring und Max Hubacher schaffen es, dieses Zürcher Paar authentisch durch alle Hochs und Tiefs hindurch zu porträtieren. Besonders positiv überrascht war ich von Eisenrings schauspielerischer Leistung, da dies ihre erste grosse Rolle war. Love Roulette lebt vom Dialog, der mal witzig, mal ernst die emotional vielfältigen Szenen auf den Punkt bringt. Jedoch scheint die Arbeit an den Figuren Tom und Charlie selbst untergegangen zu sein, da diese eindimensional bleiben. Abgesehen vom jeweiligen Beruf der beiden, und Charlies Wunsch nach einer Karriere als Modedesignerin (wieso wurde das nicht mehr ausgearbeitet?), erfährt man nicht wirklich mehr über das Paar. So stellen die beiden generische Millennials dar, zu denen ich als Zuschauerin nur schwer den Draht finde.

Gülsha Adilji und Max Hubacher aus Love Roulette
Tom bei einem seiner Dates (Gülsha Adilji). | Bild: ©Filmcoopi Zürich

Lustigerweise sind dabei die Nebenrollen (oder Figuren, die nur ein einziges Mal auftreten) in ihren kleinen Szenen viel mehr ausgearbeitet, als die im Fokus stehenden Hauptfiguren. Beispielsweise ist da die vorhin erwähnte Lena, die eigentlich die Langweilerin mit traditionellen Werten darstellen sollte, aber an einem Kostümfest doch noch andere Seiten von sich preisgibt. Dann gibt es da noch den Berliner, der zwar komplett klischeeüberladen ist, das Zuschauererlebnis jedoch aufwertet (da unterhaltsam). Ein persönlicher Favorit ist aber ein sehr kleiner Auftritt: Eines der zahlreichen Dates klärt die gelangweilte Charlie über das «Old English» auf; hoffentlich wissen nach dem Schauen nun alle, dass Shakespeare ca. 500 Jahre nach den letzten Nutzern des Altenglisch gelebt hat!

Dominique Devenport und Max Hubacher in Love Roulette
Lena (Dominique Devenport) bekennt Farbe (und Interesse). | Bild: ©Filmcoopi Zürich

Offene Beziehungen: Ein schwieriges Thema für einen Liebesfilm

Was ich an Love Roulette jedoch am interessantesten finde, sind nicht die Figuren oder die Dialoge, sondern die gewählte Thematik. Offene Beziehungen sind eher ein Tabuthema, und viele können diese Lebensweise nicht nachvollziehen. Dafür ist es umso spannender, einen Film direkt aus der Perspektive eines Pärchens zu erhalten, welches dann aber nach und nach mit diesem Beziehungsmodell hadert. Dass dieses Thema mit negativem Anstrich für einen Film gewählt wurde, der im Presseheft als RomCom vermarktet wird, ist noch spannender. Besonders in der zweiten Hälfte des Filmes entpuppt sich die offene Beziehung als extrem belastende Erfahrung für Charlie und Tom, und alles deutet auf eine Trennung hin (kurz vor der geplanten Hochzeit!). Ist das RomCom-Material? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Da hat sich der Film wohl zu sehr von Marriage Story inspirieren lassen.

Ist Love Roulette eine Liebeserklärung an Zürich?

Abgesehen von diesen Punkten war ich als Zürcherin gespannt darauf, wie Zürich in Love Roulette inszeniert wird. Schliesslich beschreibt Regisseur Chris Niemeyer den Film als «Liebeserklärung an Zürich». Jedoch ist die Auswahl an tollen Zürcher Ecken sehr dürftig, vorallem wurde in Bars oder Wohnungen gedreht. Immerhin gab es einige Szenen im Kunsthaus Zürich, allen voran im «Pixel Forest» von Pippilotti Rist. Aber fast alle bekannten Orte draussen tauchen nicht auf – oder nur so kurz, dass man sie schnell wieder vergisst. Der Zürichsee wird nur zurückhaltend inszeniert, das Niederdörfli oder spezifische Wahrzeichen, wie das Grossmünster, werden aussen vorgelassen. Da machte es mir beim Schauen mehr Lust nach Salzburg zu ziehen, welches nur in den letzten paar Minuten von Love Roulette gezeigt wird. Sehr wahrscheinlich ist aber die dürftige Auswahl auch äusseren Faktoren geschuldet.

Yvonne Eisenring als Charlie und Max Hubacher als Tom RomCom
Charlie und Tom, noch glücklich zusammen. | Bild: ©Filmcoopi Zürich

Mein Fazit zu Love Roulette

Würde ich Love Roulette als RomCom bezeichnen? Definitiv nicht. Für dieses Genre fehlen die grossen, romantischen Szenen, die lebensbejahenden Momente, die Sicht auf die Welt durch eine rosarote Brille. Auch wenn Love Roulette als moderner Liebesfilm vermarktet wird, kippt das Narrativ: Das Experiment führt in die Krise. Sich auszuprobieren wird zum zerstörerischen Akt, statt zur erhofften Bereicherung. Eher lässt sich Love Roulette als Beziehungsdrama mit komödiantischen Elementen bezeichnen. Oder umgekehrt? Auf jeden Fall ist es schwer, Love Roulette in ein spezifisches Genre zu drängen. Für einen Liebesfilm ist zu wenig Romantik drin, für eine Komödie zu viele bedrückende Szenen, für ein Drama zu viele lustige. Jedoch behandelt Love Roulette auch ein mutiges Thema, das eine differenzierte Herangehensweise erfordert, und dies tut der Film auf natürliche Weise. Wer aber Lust auf eine richtige RomCom aus Schweizer Hand hat, der wäre mit Marcello, Marcello von Denis Rabaglia besser bedient.