Wie findet man ins Leben zurück, wenn ein geliebter Mensch plötzlich stirbt? Für die britische Autorin und Wissenschaftlerin Helen Macdonald führte der Weg durch die Ausbildung eines Habichts. Ihr autobiografisches Buch H wie Habicht (H is for Hawk) wurde 2014 zum Bestseller. Die britische Regisseurin Philippa Lowthorpe hat den Stoff für die Leinwand adaptiert. Seit dem 23. Juli läuft der Film im Kino. Beim 21. Zurich Film Festival 2025 feierte H wie Habicht seine Europapremiere. Hauptdarstellerin Claire Foy stellte den Film gemeinsam mit Lowthorpe in Zürich vor und wurde dort mit dem Golden Eye für ihre Karriere ausgezeichnet.

Ein Habicht gegen die Trauer
Helen (Claire Foy) führt ein erfülltes Leben als Dozentin in Cambridge. Besonders eng ist ihre Beziehung zu ihrem Vater Alistair (Brendan Gleeson), einem Fotografen und Naturfreund, der ihre Leidenschaft für Vögel teilt. Als er unerwartet stirbt, bricht für Helen eine Welt zusammen. Sie zieht sich immer stärker zurück und versucht, den Schmerz nicht an sich heranzulassen.
Stattdessen kauft sie den Habicht Mabel. Das ist jedoch kein einfach zu zähmendes Haustier. Der Greifvogel ist wild, eigensinnig und unberechenbar. Helen beginnt, ihn mit grosser Geduld auszubilden. Sie verbringt immer mehr Zeit mit Mabel und verliert sich dabei zunehmend in dieser Aufgabe. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Form der Ablenkung wirkt, wird zur Obsession. Helen vernachlässigt ihre Arbeit, ihre Wohnung und ihre Beziehungen. Ihre Mutter und ihre beste Freundin Christina (Denise Gough) machen sich Sorgen. Doch Helen ist überzeugt, dass sie Mabel unter Kontrolle bringen muss. Und vielleicht auch sich selbst.

Trauer als Naturerfahrung
H wie Habicht ist weniger ein Film über Falknerei als über Trauer. Die Ausbildung des Habichts dient als Spiegel für Helens inneren Zustand. Mabel wird nie zum niedlichen Haustier oder zum magischen Tier, das seine Besitzerin einfach heilt. Im Gegenteil. Die Ausbildung ist anstrengend, manchmal gefährlich und fordert Helen alles ab. Gerade dadurch wirkt die Verbindung äusserst glaubwürdig. Philippa Lowthorpe erzählt sehr ruhig und lässt den Bildern viel Raum. Wälder, Felder und der Himmel werden dabei fast zu eigenen Figuren. Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen fängt die Landschaft mit einer kühlen, natürlichen Schönheit ein. Besonders eindrucksvoll sind die Flug- und Jagdszenen. Gleichzeitig liegt darin auch eine gewisse Gefahr. Der Film wiederholt die Beziehung zwischen Helen und Mabel immer wieder in ähnlichen Situationen. Für manche Zuschauerinnen und Zuschauer kann das meditativ wirken, für andere mit der Zeit etwas eintönig.

Claire Foy brilliert in H wie Habicht
Der Film lebt vor allem von Claire Foy. Bekannt als junge Queen Elizabeth II in «The Crown», zeigt sie hier eine völlig andere Seite. Helen ist kontrolliert, zurückhaltend und versucht verzweifelt, ihre Gefühle nicht nach aussen dringen zu lassen. Foy spielt diese innere Spannung mit kleinsten Gesten und Blicken. Besonders beeindruckend ist ihr Zusammenspiel mit dem echten Habicht. Gemäss verschiedenen Interviews musste Foy für die Rolle tatsächlich lernen, mit den Vögeln umzugehen. Dadurch wirken die Szenen mit Mabel nicht wie gewöhnliche Schauspielsequenzen. Wenn Helen nervös wird, weil der Vogel nicht das tut, was sie erwartet, ist diese Nervosität unmittelbar spürbar. Brendan Gleeson sorgt in den Rückblenden als Helens Vater für Wärme und Humor. Trotz der kurzen Screentime als Rückblenden von Helen. Denise Gough als Freundin Christina und Lindsay Duncan als Helens Mutter bilden das soziale Netz, von dem sich Helen immer weiter entfernt.

Ein stiller Film über einen lauten Schmerz
Was H wie Habicht besonders macht, ist sein Verzicht auf grosses Drama. Helen schreit ihre Trauer nicht heraus und der Film versucht ebenfalls nicht, das Publikum mit emotionalen Höhepunkten zu überwältigen. Stattdessen zeigt er, wie Verlust einen Menschen langsam verändern kann. Dabei ist Mabel gleichzeitig Rettungsanker und Falle. Die Beschäftigung mit dem Vogel gibt Helen einen Sinn und zwingt sie, jeden Tag weiterzumachen. Gleichzeitig ermöglicht ihr die Obsession, vor der eigentlichen Trauer davonzulaufen. Die Natur wird dabei nicht als Zufluchtsort dargestellt. Sie ist schön, aber auch brutal. Mabel jagt andere Tiere und folgt ihren eigenen Instinkten. Helen muss lernen, dass die Natur nicht nach menschlichen Regeln funktioniert.

Mein Fazit zu H wie Habicht
H wie Habicht ist ein stilles, bildstarkes Drama über Verlust, Einsamkeit und die schwierige Suche nach einem Weg zurück ins Leben. Philippa Lowthorpe macht aus Helen Macdonalds Bestseller keine klassische Tiergeschichte, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit Trauer. Claire Foy trägt den Film mit einer aussergewöhnlich zurückgenommenen Leistung. Dazu kommen die beeindruckenden Aufnahmen der Natur und die faszinierende Präsenz der Greifvögel. Allerdings zieht sich der Film etwas gar in die Länge. Da hätte es nicht geschadet, ein paar Flugszenen mit Mabel rauszuschneiden. Wer sich dennoch auf das langsame Tempo einlässt, bekommt einen ungewöhnlichen Film über die Frage, wie man nach einem schweren Verlust weiterlebt. Er zeigt, dass Trauer ein Teil des Lebens bleibt und dass man vielleicht gerade deshalb irgendwann wieder lernen kann, zu fliegen.



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