Jen und Judy in Dead to me

Dead to Me: Erfrischend schwarzer Humor, der süchtig macht

Schauen auf eigene Gefahr!

Seit anfangs Mai läuft auf Netflix die neue Serie Dead to me. Die zehn Folgen fassende Produktion mit Christina Applegate und Linda Cardelini in den Hauptrollen ist skurril und lustig zugleich. Die Resonanz auf dem Streaming-Dienst ist durchwegs positiv und es kann sogar mit einer zweiten Staffel gerechnet werden.

Zur Story

Die erfolgsverwöhnte Maklerin Jen trauert seit Monaten um ihren Man Ted. Dieser wurde in der Nacht von einem Auto totgefahren, der Unfallfahrer ist flüchtig und die Polizei unternimmt Jens Meinung nach nichts, um den Fall zu lösen. Zudem muss sie sich nun alleine um ihre Kinder Charlie und Henry kümmern. Keine einfache Sache, da die beiden Jungs auf eine eigene Art und Weise mit dem Tod ihres Vaters umgehen.

Bei einer Selbsthilfegruppe für Witwen trifft Jen die quirlige Malerin und Krankenpflegerin Judy, die gerade die fünfte Fehlgeburt erlitten und ihren Freund Steve ebenfalls verloren hat. Sie freunden sich an und Judy hilft Jen auf andere Gedanken zu kommen und nach dem Mörder vom Ted zu suchen. Was Jen nicht ahnt: Judy hat nicht nur Jens Mann auf dem Gewissen, sondern auch über ihre Vergangenheit nicht ganz die Wahrheit erzählt.

Mehr als nur eine Hausfrauen-Show?

Als ich mir die ersten zehn Minuten der Serie reingezogen habe, dachte ich zuerst, es handelt sich um eine typische Hausfrauen-Comedy-Serie à la Desperate Housewives oder Vampire Diaries. Ich sollte mich irren. Die Serie nimmt im Laufe der Staffel immer mehr Schwung auf und die Spannung steigt mit jeder Folge! Dies auch dank den geschickt platzierten Cliffhangern. Applegate und Cardelini liefern ein tolles Schauspiel ab und ihre Darstellung der nach neuem Glück suchenden Frauen wirkt sehr realistisch.

Jen in Dead to me
Christina Applegate als temperamentvolle Jen Harding | Bild: Netflix

Verlust, Trauer, Wut, Verzweiflung und Rachegelüste schleppt Applegates Figur durch die Serie. Jen versucht das alles zu verbergen aber ihre Temperamentschwankungen und die Suche nach dem Mörder ihres Mannes zwingen sie dazu, sich ihren Gefühlen zu stellen. So sieht man sie beispielsweise am Nachmittag überfreundlich ein Haus verkaufen, am Abend spät hingegen weinend auf Sofa, quasi vom Selbstzweifel zerfressen.

Judy aus Dead to me
Linda Cardelini als undurchsichtige Judy Hale | Bild: Netflix

Aber auch La Llorona-Darstellerin Linda Cardelini spielt die ambivalente Gefühlslage von Judy ausgezeichnet. Sie ist zwischen Steve und Jen hin und her gerissen und will einerseits das Geheimnis um die verhängnisvolle Nacht um jeden Preis für sich behalten, andererseits zerfrisst sie Jens Trauer um Ted innerlich. Man fragt sich als Zuschauer somit jedesmal, wann sie einknickt und die Wahrheit endlich preisgibt. Diese Frage und den erfrischenden, schwarzen Humor macht die morbide Show sehr spannend.

Kleine, aber menschliche Schwachpunkte

Trotzdem gibt es ein paar holprige Stellen. Manchmal fand ich die Dialoge zwischen den Hauptfiguren ein bisschen zu lang und etwas belanglos. Die Diskussionen beginnen zwar mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, driften aber gerne in typische Mitte-Vierzig-Frauengespräche ab. Ein Grund, der beim männlichen Publikum eher für Kopfschütteln und Gähnen sorgen dürfte, bei den weiblichen Zuschauer hingegen durchaus ankommen könnte. Zudem ist die Handlung an manchen Stellen ein bisschen vorhersehbar, beispielsweise in der ersten Folge, wo eines von Judys Geheimnissen schnell erraten werden kann.

Die Kamera als Wunderwaffe

Speziell fällt bei dieser Serie die Kameraarbeit auf: So werden einerseits auf Aufnahmen mit einer grossen Tiefenschärfe und andererseits auf eine eher unkonventionelle Bildgestaltung (Ausschnitt, Pespektive) gesetzt. Auch agieren die Charaktere mehrmals direkt in die Kamera und durchbrechen somit die vierte Wand. Dies spricht den Zuschauer nicht nur direkt an, sondern wirkt an manchen Stellen bedrohend und gruselig. Somit bietet sich die Möglichkeit, dass das Publikum noch näher am Geschehen teilnehmen kann. Obwohl dieses Stilmittel bereits bei House of Cards eingesetzt wurde, ist es eher untypisch für Drama-Serien und macht Dead to Me absolut sehenswert.

Kameraführung Dead to me
Die spezielle Kameraführung in Dead to me ist ein wahrer Hingucker | Bild: Netflix

Fazit

Ich empfehle die Serie jedem, der ein Fan von schwarzem Humor ist und nach einem harten Arbeitstag gerne noch etwas Kurzes auf Netflix sehen will. Die Folgen sind ziemlich kurzweilig und dank der Länge von 30 Minuten überschaubar. Die Cliffhanger sind sinnvoll eingesetzt und verleiten den Zuschauer augenblicklich, die nächste Folge anzuschauen – so ist es zumindest mir ergangen. Zum Inhalt einer möglichen zweiten Staffel sage ich bewusst nichts, weil ich nicht spoilern will.

*Update*

Am 8. Mai 2020 wurde die zweite Staffel der Dramedy-Serie auf Netflix veröffentlicht. Eine umfassende Kritik dazu folgt demnächst.