Helena Zengel als Benni in Systemsprenger

Meine Lieblingsfilme: Didi, Heidi, Benni und Luna…

Zu meiner Jubiläumsreihe rund um meinen 100. Whatthefilm-Artikel möchte ich euch 20 meiner Lieblingsfilme präsentieren. Pro Teil stelle ich euch in dieser vierteiligen Reihe immer fünf Filme vor. Egal, ob aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz – die folgenden Werke haben mich auch im letzten Teil nachhaltig berührt oder bestens unterhalten und zählen zu meinen persönlichen All-Time-Favoriten. Diese Auswahl ist dabei nicht als Ranking zu verstehen, sondern chronologisch nach Erscheinungsjahr sortiert.

Sein letztes Rennen (2013)

Sein letztes Rennen von Kilian Riedhof war 2013 Dieter Hallervordens fulminantes Kino-Comeback. Nachdem er bereits in den 70ern erste kleine, aber viel zu wenig beachtete Erfolge als Charakterdarsteller feiern konnte, tauchten schon vor Sein letztes Rennen in Hallervordens Schauspielvita Filme wie La Isla Bonita – Armee der Stille, Das Mädchen und der Tod oder Das Kind auf. Es waren bereits wichtige Rollen, die den ersten Baustein in Richtung Sein letztes Rennen legten. Doch mit Sein letztes Rennen hat es Dieter Hallervorden allen gezeigt. Vor allem seinen Kritikern, die ihn als Komödianten oft abgewatscht haben, so wie er das beim Deutschen Filmpreis 2014 in ähnlichem Tonfall bekundet hatte.

In dem Film geht es um den ehemaligen Marathonläufer Paul Averhoff, der einst olympisches Gold gewann und nun im Altersheim lebt. Unzufrieden mit dem eintönigen Alltag, beschliesst er, sich noch einmal einer grossen sportlichen Herausforderung zu stellen und wieder zu laufen. Sein Vorhaben stösst dabei sowohl auf Skepsis als auch auf Unterstützung und bringt frischen Wind in sein Leben sowie das seiner Mitbewohner.

Der Film ist dabei ein filmischer Glücksfall in jeglicher Hinsicht geworden. Durch Dieter Hallervordens aufrichtiges und emotional überzeugendes Schauspiel gelingt es ihm, wie einst Didi mitzureissen – nur diesmal auf eine deutlich ernstere Weise.

Auch die Kameraarbeit von Judith Kaufmann und der Schnitt von Melanie Margalith sind absolute Meisterklasse. Vor allem bei den Marathonszenen zum Ende hin zahlt sich das wunderbar aus. Die Aufnahmen bekommen dabei schon fast einen dokumentarischen Charakter, wenn man bedenkt, dass Dieter Hallervorden ganze Teile des Berlin-Marathons selbst mitgelaufen ist.

Kurzum ein Herzensprojekt für Dieter Hallervorden und ein grossartig gelungenes Kino-Comeback, das seine langersehnte Feuertaufe und wohlverdiente Anerkennung als Charakterdarsteller einbrachte.

Eine verhängnisvolle Nacht (Fernsehfilm) (2013)

Mit Eine verhängnisvolle Nacht hat es nach Der Trinker in Teil 3 ein weiterer Fernsehfilm in meine Top-Auswahl geschafft. Für Regie und Kamera war Miguel Alexandre (Der Mann mit dem Fagott) verantwortlich.

In Eine verhängnisvolle Nacht gerät das Leben einer alleinerziehenden Lehrerin aus den Fugen, als sie sich auf eine Beziehung mit einem zunächst charmant wirkenden Kollegen einlässt. Was als neue Hoffnung beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer belastenden und bedrohlichen Situation.

Der zugegeben konventionell produzierte Psychothriller fürs ZDF orientiert sich dabei an Hollywood-Vorbildern wie Eine verhängnisvolle Affäre, Der Feind in meinem Bett oder Kap der Angst. Hierbei gelingt der Produktion bereits von Beginn an ein packender Einstieg mit einer dramatisch eindrücklichen Szene aus dem Showdown. Anschliessend steuert der Film unausweichlich und mit zunehmender Intensität auf dieses erschütternde Finale zu. Dabei könnte der Film ohne Kenntnis des Einstiegs auch ein typisches TV-Beziehungsdrama sein.

Eine verhängnisvolle Nacht ist für mich ein Beispiel, das aufzeigt, dass ein Film das Rad nicht neu erfinden muss, um einen Platz unter meinen Favoriten zu finden. Es ist in diesem Fall vielmehr der Mix aus bedrückender Atmosphäre und einem psychopathisch-wuchtig aufspielenden Matthias Brandt. Silke Bodenbender überzeugt ebenfalls in ihrer dramatisch angelegten Rolle, während Jella Haase auch frechere Momente ausspielen darf. Verhängnisvoll bleibt auch die Einsicht, dass die Justiz die Opfer oft alleine lässt und die Täter meist viel zu lange freies, manipulatives und grenzenauslotendes Spiel haben.

Damit sicherlich kein filmisches Glanzstück im Genreabgleich, aber dennoch einer jener Filme, der mich damals vor dem Bildschirm bannte und dies auch bei einer erneuten Sichtung wieder schaffte!

Heidi (2015)

Bereits als Kind liebte ich die ZDF-Anime-Serie Heidi. Nachdem es bereits zuvor, aber auch danach, zahlreiche Verfilmungen des Stoffes gab, war ich froh, dass auch meine Generation 2015 eine Realadaption bekam.

Der Film Heidi erzählt von dem gleichnamigen Waisenmädchen, das bei seinem Grossvater in den Schweizer Alpen lebt. Dort findet sie Zugang zur Natur, knüpft Freundschaften und entwickelt eine enge Bindung zu ihrem zurückgezogenen Grossvater. Als sie in eine fremde Umgebung gerät, muss sie lernen, mit neuen Lebensumständen umzugehen und ihren eigenen Platz im Leben zu finden.

Getragen wird die 2015er Verfilmung aus der Schweiz von den überzeugenden Darstellungen Bruno Ganz’ und Anuk Steffens. Allen voran Ganz füllt seine Rolle mit anfänglich herrlich mürrischer, aber später auch herzzerreissend fürsorglicher Brillanz aus. Die später in Frankfurt angesiedelten Figuren werden darüber hinaus passend zu ihren bekannten Klischees ausgespielt. Dabei fällt allen voran Hannelore Hoger gesondert auf, die ihre Figur der Grossmutter Sesemann mit einer mütterlich-berührenden Darbietung aufwertet.

Für den visuellen Look hat man sich für eine sommerliche Farbpalette entschieden, die vor allem in den Frankfurter Szenen leicht überstrahlt und verträumt erscheint. Alles in allem ein wundervolles Naturmärchen, das ich immer wieder gerne in den Player lege.

Das schönste Mädchen der Welt (2018)

Das schönste Mädchen der Welt zählt zu meinen jüngeren Lieblingsfilmen. Regisseur Aron Lehmann (Was man von hier aus sehen kann) gelingt damit eine romantische Musikkomödie über das Phänomen der ersten grossen Liebe.

Die Kinokomödie erzählt die Geschichte von Cyril, der wegen seiner übergrossen Nase von seinen Mitschülern gehänselt wird. Als er zu Beginn der Klassenfahrt seiner Stufe der neuen Schülerin Roxy begegnet, entwickelt sich zwischen den beiden schnell eine Freundschaft. Cyril hat die Hoffnung auf die grosse Liebe längst aufgegeben und versteckt seine Gefühle hinter dem attraktiven, aber naiven Rick, der durch eine Verwechslung das Interesse von Roxy auf sich zieht. Während Cyril versucht, seine Emotionen in selbstgeschriebenen Songs zu verarbeiten, entsteht ein Liebesdreieck, das am Ende durch eine entscheidende Wahrheit aufgelöst wird.

Lehmann ist dabei ein authentischer und zugänglicher Film über die Jugend gelungen. Hierbei überzeugen die beiden Hauptdarsteller Aaron Hilmer und Luna Wedler. Beide können ihre gemeinsame, meist direkt ins Herz treffende Chemie in vielen gemeinsamen Szenen in den Mittelpunkt rücken.

Für mich hat der Film dem Genre der deutschen RomCom fernab vom Schweig(er)höfer-Universum auch frisches Leben eingehaucht. Herausgekommen ist hier nämlich ein stimmungsvoller Ausgleich zwischen Romantik, Komödie, Unterhaltung, aber auch Anspruch, aufgrund der atmosphärisch platzierten Vermittlung sozialer Werte. So ist es ein Film geworden, der vor allem verdeutlicht, wie wichtig es ist, die innere Schönheit eines Menschen wertzuschätzen und ihn gerade deshalb als Individuum zu betrachten. Damit wird die entdeckte Stärke gemeinsam zelebriert und die Schwäche des vermeintlich Stärkeren mit wirkungsvollem Nachklang entlarvt.

Somit starkes deutsches Genrekino und einer der schönsten deutschen Filme der 2010er Jahre!

Systemsprenger (2019)

2019 überzeugte mich Nora Fingscheidts Drama Systemsprenger emotional nachhaltig.

Systemsprenger erzählt die Geschichte der neunjährigen Benni, die von einer Jugendhilfeeinrichtung zur nächsten weitergereicht wird. Hinter ihren intensiven, unberechenbaren Ausbrüchen verbergen sich tiefe emotionale Verletzungen und ein starkes Bedürfnis nach Nähe und Bindung. Während Pädagogen, Pflegefamilien und Therapeuten immer wieder versuchen, einen Zugang zu ihr zu finden, wird zunehmend deutlich, wie sehr das Hilfesystem mit Fällen wie ihrem überfordert ist.

Die erschütternd raue Inszenierung besticht dank der authentischen Darstellung von Helena Zengel, die als Benni eine emotionale Wucht ist. Unterstützt wird sie von Albrecht Schuch und Gabriela Maria Schmeide, die die Inszenierung immer wieder einfühlsam erden.

Stilistisch sorgt die dokumentarische Kameragestaltung für noch mehr Nahbarkeit, die in Verbindung mit dem mitreissenden Schauspiel von Zengel eine tiefgründig-dramatische Sogwirkung nach sich zieht, die eindrucksvoll fesselt.

Letztlich ein Film, der meine Erwartungen als Zuschauer sprengt und erschreckend realitätsnah die Geschichte eines kindlichen Hilfeschreis offenbart. Ebenso ein System, das daran scheitert. Die Wechselwirkung zwischen diesen beiden Welten macht Systemsprenger zu einem tiefschürfenden Psychogramm, das einen emotional so schnell nicht mehr loslässt.

Am Ende zeigt diese Reihe einmal mehr, dass Lieblingsfilme über Alters- und Genregrenzen hinweg auf hohem Niveau unterhalten, fesseln und berühren können. Eine Vielfalt, die den Streifzug durch meine Lieblingsfilmgeschichte deshalb bereichert. Mögen also noch viele weitere Favoriten im Laufe der Zeit hinzukommen! Und selbstverständlich gibt es auch noch zahlreiche weitere deutschsprachige und internationale Filme, die ich zu meinen Favoriten zähle!

Diese Jubiläumsreihe ist auch als Zweiteiler bei Substack erschienen!